Wolfgang Folmer "Kunst am Baum"
Katalogtext aus dem BTZ Almanach
von Dr. Wojciech Sztaba

Bei der Eröffnung der Ausstellung liegt in der Mitte der Galerie nur ein schwerer 5 Meter langer Baumstamm, seine dicke Rinde zeigt Spuren des Transports. Ein Ausstellungsbeginn, der gleichzeitig deutlich macht, dass ein Anfang schon außerhalb der Galerie stattgefunden hatte ‑ auf einem Staudamm am Neckar, dort, wo die große Pappel gefällt wurde, und noch früher, als der Baum noch dort stand, und noch früher. Ein Punkt in der Zeit.
Am nächsten Tag liegt der Baum ohne die Rinde in der Galerie, abgeschält, gehäutet, entblößt, weiß. Dann umhüllt schwarze Farbe den Baumstamm ‑ wie ein Trauerkleid, wie die Nacht, wie die Dunkelheit, ohne Licht und Farbe. Die ersten in die neue schwarze Haut geschnitzten Linien lassen, wie Spalten und Risse in einem Vorhang, das Licht durch. Diese Vorboten des Tages überziehen mit einem Liniennetz den Baumstamm. Formen, Gegenstände und Figuren tauchen auf, fügen sich zu kleinen Geschichten zusammen, die durch Linien wie von Borkenkäferwegen verbunden werden.

Immer mehr Weiß, immer mehr Licht wird freigelegt, das das Schwarze verdrängt. Es bleiben dann nur kleine schwarze Inseln mit Bilderresten, bis der Baumstamm wieder weiß wird, um erneut die schwarze Farbhülle zu bekommen. Die ganze Prozedur wiederholt sich, neue Linien werden gezogen, nach neuen Bildern wird gesucht.
Am Wegrand bleiben Spuren dieser Wanderung zwischen Licht und Dunkelheit: Abzüge der Bilder auf Papier, die wie eine zweite Rinde von dem Bild‑Baumstamm abgenommen werden.
Es ist ein ewiges Hin und Her zwischen Tag und Nacht, zwischen Dunkelheit und Licht, zwischen Bildern und dem Fehlen der Bilder, eine dramatische Inszenierung der Gegensätze und der Wiederholung.
Der Künstler selbst ist ein Teil dieser Metapher, er lässt sie sogar den Rahmen für seinen Tagesablauf bestimmen. Deswegen arbeitet er auch gerne nachts ‑ es ist ein Nacht‑ und Tagewerk.

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