ARS SOLVENDI - die Kunst des Loslassens
Eröffnungsrede von Helmut John
 

Mein Leben ist nicht diese steile Stunde,
darin du mich so eilen siehst.

Ich bin ein Baum vor meinem Hintergrunde,
ich bin nur einer meiner vielen Munde
und jener, welcher sich am frühsten schließt.

Ich bin die Ruhe zwischen zweien Tönen,
die sich nur schlecht aneinander gewöhnen:
denn der Ton Tod will sich erhöhn

Aber im dunklen Intervall versöhnen,
sich beide zitternd.

Und das Lied bleibt schön.

Rainer Maria Rilke*
*aus: Das Stundenbuch, I. Buch: Das Buch vom mönchischen Leben

   

 

Wendelinskapelle, Weil der Stadt, 2002

Ich hatte das ergreifende Erlebnis, den Kapellenraum leer zu sehen:nur mit dem frisch geschälten Stamm, der in der Dämmerung regelrecht leuchtete mit einer unglaublichen Präsenz und Strahlkraft. Das Schlagwort „Weniger ist mehr“ traf hier nicht tief genug, das Wenige war alles! Wenn Wolfgang Folmer diesen Stamm bearbeitet, wird er sich amEnde daran messen müssen, was war. Darum geht es hier: die Energie dieses gestürzten Kolosses aufzunehmen, sie weiterzutragen und umzuwandeln in etwas Neues.Das geschieht in den folgenden 2 Wochen. Und heute? Was wird Ihnen heute geboten? Sie sollen auf ihre Weise einen Nullpunkt erleben. Wir bieten Ihnen das Unerwartete, das Ungewohnte. Wir wissen selbst nicht, was auf uns zukommt. Wir vertrauen einem Künstler. Und wir nehmen eine Herausforderung an.
Das Ungewohnte ist: Sie erwarten eine Vernissage und finden keine Bildwerke. Der Künstler früher hatte sein fertiges Bild mit einem Schlussfirnis, einem vernis moux überzogen, dann wurde das Ateliergeheimnis der Öffentlichkeit vorgestellt. Wir haben hier nichts Fertiges, hier wird erst angefangen. In unserer Einladung steht nicht Vernissage, sondern ausdrücklich: Eröffnung! Eröffnet wird ein Kunstprojekt. Wir haben es „ars solvendi“ genannt. Das darf ich erläutern. Die Hospizgruppe Weil der Stadt feiert heuer ihr 10-jähriges Bestehen. Die Leiterinnen Frau Dietz und jetzt Frau Bartl kamen auf das Kunstforum zu mit der Frage, ob Kunst etwas zu sagen habe - zumThema Tod, Sterben...Das ist eine Herausforderung! - was geht einem Künstler oder Kunsthistoriker alles durch den Kopf bei diesem Thema?
Alle Anfänge von Architektur - und man spricht von Architektur als der Mutter aller Künste - sind im Totenkult zu finden.Christos M. Joachimides schreibt im Katalog zur Ausstellung „Afrika“ (Berlin, 1998): „Die Kunst ... hat über ihre gesamte Geschichtehinweg 2 zentrale Themen, Tod und Fruchtbarkeit.“ Er bezieht sichauf Afrika und einen Zeitraum von 5000 Jahren, aber seine Aussage kann mit Abstrichen auf die gesamte Kunstgeschichte angewendet werden.

In der römischen Antike sollten Mumienporträts aus Wachs, erstaunlich realistisch, den Toten helfen, im Jenseits ihre Gestalt wiederzu-finden. Das Mittelalter und seine Maler sahen den Tod als Erlösungvom irdischen Leben und als Wegbereiter zu ewiger Glückseligkeit. Und sogar die so sehr dem Irdischen zugewandte Malerei des Barock vergaß nicht die Endlichkeit des süßen Lebens und schmuggelte selbst ins saftigste Stillleben immer eine kleine symbolische Anspielung wie die gerade verlöschende Kerze, ein umgefallenes Weinglas - alles im Sinne eines „memento mori“, denke an den Tod!

„Memento mori“, das war dann auch - drastisch und daher unangemessen - zunächst der Arbeitstitel der vom Kunstforum ins Augegefassten Themenausstellung. Künstler sollten angeschrieben werden, die ihre Aussagen zum Thema umsetzen würden. Unsere letzte Themenausstellung „Masken“ hätte man komplett übernehmen können,dazu die durchgestrichenen Köpfe von Arnulf Rainer, eineschwarze Tafel von Felix Schlenker, ausgedrückte Tuben-Gestaltenvon Jürgen Brodwolf ... in diesem Zusammenhang eher peinlich. Die angefragten Künstler hielten sich Gott sei Dank bedeckt, bis auf den einen, und der hatte ein Gesamtkonzept. Dieses ungewöhnliche Konzept und die ungewöhnliche Person, die dahinter steht, gewann unser Vertrauen.

Eröffnung mit Experimenteller Musik: Emanuel Anthropelos, Wolfagng Folmer, Beatrix ReyWendelinskapelleVor einem Jahr habe ich Wolfgang Folmer kennen gelernt. Eher zufällig kam ich von einem benachbarten Atelier eines anderen Künstlers auch in seine Räume. Er war dabei, seine Bilder per Computer zu archarbe poppig-frech bis sublimivieren: große Pastellzeichnungen. - Ich war sehr irritiert undversuchte sie mir einzuordnen: in der F-verhalten, von der Machart her ein Mix von Andy Duck bis DonaldWarhol ( ... Katalogisierungssucht) mit Visionen zwischen Marc Ernstund Max Chagall - eine sehr eigene Mischung! Das Eigenartigsteaber war die Fülle, die unbeschreibliche Vielzahl der Arbeiten, woeinzelne Bilder sich mir übereinander schoben und zu einem Ganzen wurden.Ein ähnlicher Eindruck von Fülle bei meiner 2. Begegnung mit Wolfgang Folmer: beim Kunstverein Schwäbisch-Hall, diesmal an einem heißen Sommertag. Die Vernissage der Doppelausstellung mit Rolf Nikel beschränkte sich auf je 4 Bilder in der Eingangshalle, während der 4 Wochen „Ausstellung“ aber füllte sich daneben und darüber der riesige Fachwerkbau über alle Stockwerke bis unter das Dach mit Kohlezeichnungen, die vor Ort angefertigt wurden. Imponierend wieder die Folge: Bild zu Bild sich weiterentwickelnd. Erstaunlich auch das Bemühen von Wolfgang, seine angelernte Kunstfertigkeit bewusst abzustreifen mittels z.T. drolliger Versuche: mit der ungeschickteren linken Hand zeichnen oder den Entstehungsprozess nicht direkt auf dem Papier, sondern via Kamera auf dem Monitor verfolgen, manchmal sogar blind zeichnen. Kunstfertigkeit, einmal Gelerntes, Gefundenes soll nicht neue Impulse in starre Formendrängen dürfen.

Kunstverein Schwäbisch Hall, Rolf Nikel/Wollfgang Folmer Diese distanzierte Haltung zu starren Ergebnissen zeichnet schonseine frühen Arbeiten aus ...
(Früh muss man dabei relativ sehen: Wolfgang Folmer kam erst über Umwege zur Kunst. In seiner Vita auf der Einladungskarte übergehter seinen ersten Beruf als Wagenmeister, den er nach langer Ausbildung nur kurze Zeit ausübte. Er gab eine Beamtenlaufbahn beider Bundesbahn auf, mit 25 Jahren begann er seine künstlerische Ausbildung, war schließlich Meisterschüler von Rudolf Schoofs ander Kunstakademie in Stuttgart.)

In seinem Werkbüchlein „Grafische Entwicklungsarbeit“ von 1994 zeigt er Zeichnungen, die spielerisch offen angelegt sind: ein fester Wissensschatz der Kulturgeschichte wird bruchstückhaft dargestellt, kombiniert oder konterkariert mit Hightech-Versatzstücken. Im Vorwortzu diesem Werkbuch ergründet Franz-Josef van der Grinten die Beweggründe zur Arbeitsweise Folmers: „ ...aus dem Wissen, dass in der Dynamik des Seins nichts wirklich statischen Bestand habenkann, dass aber nichts, was war, wirklich aufhören kann zu sein, vertieft sich Wolfgang Folmer in die Erscheinungen der Welt ...“

.... Wissen, ... dass nichts ... Bestand haben ... nichts ... aufhören kann...

Kunstforum Weil der Stadt, Wendelinskapelle Da sind wir wieder bei der Herausforderung am Anfang, beimThema Leben und Tod. Wenn ich weiß, dass Energie nicht verlorengehen kann, fällt es mir lleicht, loszulassen, im richtigen Augenblick. ARS SOLVENDI - die Kunst des Loslassens - besteht in dem Gespür und dem Mut, wenn genügend Kraft aufgebaut oder verbraucht ist, für einen neuen Schritt bereit zu sein.

Ich bewundere den Schritt von Wolfgang, den alten Beruf aufgegeben zu haben und einer Berufung nachgegangen zu sein. Es ist beruhigend, zu erfahren, dass der Tod ein Tor für das nächste große Abenteuer sein kann. Und ich bin neugierig, wie sich dieser Ort verwandeln wird.
Vom bearbeiteten Stamm will Wolfgang Folmer Holzdrucke machen,die aber nicht zur Vervielfältigung gedacht sind, sondern als Uni-kate. Wolfgang Folmer wird nach jedem Druck den Stamm wiederglätten, sich vom Erarbeiteten lösen, neu beginnen. Das Alte wird im Neuen nachschwingen, das Neue wird die Energie des Altenauf seine Weise weitertragen.

Wolfgang wünsche ich gute Arbeit in konzentrierter Atmosphäre. Den Besuchern danke ich für ihre Aufmerksamkeit und ihr Vertrauenin diese Arbeit.

zurück